Der ökumenische Gesprächskreis

Der ökumenische Gesprächskreis ist eine feste Institution in unserem Hausleben. Mitte der 90-er Jahre entstand aus einer privaten Initiative einiger Studenten der Kontakt mit evangelischen Theologiestudenten, die in Rom ein Studienjahr verbrachten. Ende der 90-er Jahre wurde dann das Melanchthon-Zentrum gegründet, eine von der evangelischen Landeskirche Italiens, der evangelischen Kirchengemeinde Roms und der Waldenserfakultät getragene Einrichtung, die evangelischen Theologiestudenten einen einjährigen Studienaufenthalt an den verschiedenen römischen Universitäten ermöglicht. Der ökumenische Gesprächskreis entwickelte sich so mit der Zeit zu einem Punkt fester Zusammenarbeit zwischen dem Melanchthon-Zentrum und unserem Kolleg.

Zu Beginn jedes Studienjahres sind es zwei zahlenmäßig etwa gleichstarke Gruppen, die sich jeden Monat einmal zum thematischen Austausch treffen: auf evangelischer Seite die Mitglieder des Studienjahres des Melanchthon-Zentrums, die so genannten „Melantonini“, und auf katholischer Seite Priesteramtskandidaten, Diakone und Priester aus unserem Hause. Die monatlichen Treffen finden an all den verschiedenen Orten statt, wo die Teilnehmer des Ökumenekreises wohnen. So lernen vor allem die Studierenden des Kollegs die verschiedenen evangelischen Häuser der Stadt Rom kennen: die Waldenserfakultät, das Melanchthon-Zentrum und die Christuskirche. Die Themen, die gemeinsam behandelt werden, sind vielfältig: von wissenschaftlich-theologischen Themen über spirituelle und auch philosophische Fragen hin zu konkret-pastoralen Aspekten. Der Zeitraum eines Studienjahres ermöglicht es einerseits, die wichtigsten theologischen Themen anzusprechen und zu vertiefen, und andererseits auch die Teilnehmer des Gesprächskreises persönlich kennenzulernen. Interessant ist auch der Austausch über Glaubensleben und konkrete Organisationsstrukturen in den verschiedenen Landeskirchen und Diözesen, aus denen die Gesprächsteilnehmer kommen.

In den letzten Studienjahren beschäftigte sich der ökumenische Gesprächskreis mit den verschiedensten Themen wie „500 Jahre Reformationsjubiläum – ein Datum zum feiern?", „Sakramente – Verbindendes und Trennendes", „Evangelische – Katholische Identität“, „Schriftverständnis – Stellenwert in Theologie und Spiritualität“, „Was soll Kirche heute sein – Auftrag und Sendung“ und vielen anderen Fragen auseinander. Aber auch die "klassischen" ökumenischen Themen wie ekklesiologische Fragen, Fragen zum Amt in der Kirche oder die in Rom so konkret erfahrbare, explizit katholischen Frömmigkeitsformen (Heiligenverehrung, Marienfrömmigkeit, Bedeutung des Papstamtes, etc.) kamen zur Sprache.

Mittlerweile ist auch ein gemeinsamer Ausflug am Beginn des Studienjahres zum festen Bestandteil des Gesprächskreises geworden. Unter fachlicher Anleitung von Prof. Martin Wallraff konnten wir immer wieder interessante Entdeckungen in den Gebieten rund um Rom machen. Ob auf den Spuren Martin Luthers auf seinem Weg nach Rom oder auf denen des Hl. Franziskus im Tal von Rieti – stets war der Ausflug eine persönliche Bereicherung, aber auch die willkommene Gelegenheit, einander als Gesprächspartner und Kommilitonen kennenzulernen.

Der ökumenische Gesprächskreis ist ein wichtiges Zeichen für ein Priesterseminar – er zeigt an: Da ist ein Anliegen, das Anliegen unseres Herrn selbst, das wir nie aus den Augen verlieren dürfen: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17,21) – dieses Anliegen Jesu soll in uns lebendig sein und bleiben – es soll zum Auftrag jedes Christen werden. Diesem Auftrag aber kommen wir nicht nur nach, indem wir miteinander ins Gespräch kommen und einander so immer besser kennenlernen und Vorurteile abbauen – wir kommen diesem Auftrag ganz besonders nach, wenn wir miteinander beten und uns mit unserem Wunsch nach Einheit vor den Herrn stellen. Deshalb hat auch das gemeinsame Gebet seinen Platz im ökumenischen Gesprächskreis: ein kleines Eröffnungsgebet vor den Sitzungen genauso wie der gemeinsame Vespergottesdienst in der Gebetswoche um die Einheit der Christen oder der Eröffnungs- und der Abschlussgottesdienst der gemeinsamen Zeit.