Pastorales Engagement

Geben und Empfangen gehören zusammen

Ein Einblick in die apostolischen Aktivitäten der Studenten des CGU

Seit mehreren Jahren versucht man unseren Ordo zu revidieren, wobei viel Gewicht auf die Pastoralausbildung gelegt wird. Neben dem eigenen Abschnitt, der versucht, die neuen Erfordernisse der Pastoralausbildung zu erkennen und entsprechend auf sie zu antworten, findet man noch einige Stellen, an denen auf die Begegnung mit einer konkreten Gemeinde in Rom viel Wert gelegt wird. Im Kennenlernen der Kirche von Rom kann der einzelne nicht nur mit dem italienischen Volk, seiner Religiosität und Denkart vertraut werden, sondern auch, wenn auch nur in begrenztem Umfang, ein Hineinwachsen in den pastoralen Dienst zuwege bringen. Gerade die Ewige Stadt bietet dazu auch eine einmalige Chance, da sie darüber hinaus ein besonderer Begegnungsort der verschiedenen Ortskirchen, der älteren wie auch der jüngeren geistlichen Bewegungen in der Kirche und der verschiedenartigen Kulturen ist. Auch die Sensibilität für die konkreten sozialen Probleme, die doch viel mit der Pastoral zu tun haben, kann hier beachtlich verfeinert werden.

Das Rom der Bettler, Armen und Flüchtlinge

Jedermann, den seine Wege, aus welchem Grund auch immer, nach Rom geführt haben, kann bestimmt nicht auch nur einen Tag durch die Stadt spazieren, ohne einem Bettler begegnet zu sein. Sie sind ganz verschieden, aber keinem bin ich bis jetzt begegnet, der diesen "Job" aus Spaß gemacht hätte. Viele von ihnen hat an einem bestimmten Punkt ihres Lebens eine schwierige Lebenssituation der Straße ausgeliefert, und mag es ihnen so auch gut gehen, die Träume von einer besseren Zukunft, die sie gerne, aber nur im Vertrauen ihren Besuchern erzählen, bleiben doch für immer tief im Herzen bewahrt. Außer daß wir täglich am Weg zur Uni, am Eingang der Gregoriana und anderswo schon bekannte Personen treffen, die uns um ein paar Münzen bitten und diese auch oft bekommen, machen einige von uns noch eine tiefere Erfahrung des Kontakts mit den Armen, indem sie selbst zu ihnen hin gehen, um ihnen zu begegnen. Ein Ort solcher Begegnung ist die Mensa, eine Suppenküche in der Via Dandolo in Trastevere, die von der Comunita di Sant'Egidio geleitet wird. Außer der Zubereitung des Essens werden dort auch Lebensmittel verteilt, eine Sprachschule, die für die Ausländer als erste und notwendige Hilfsleistung dient, um sich in Italien einleben zu können, und administrative Hilfe, besonders für die Flüchtlinge, wird angeboten. Die Mensa selbst ist jede Woche an drei Nachmittagen je vier Stunden geöffnet und bietet ein würdiges Abendessen. Mit Rücksicht auf die Muslime werden dort immer auch Alternativspeisen angeboten, um ein friedliches und freundschaftliches Beisammensein für alle zu ermöglichen. An so einem Nachmittag essen dort zwischen 1000 und 1500 Personen, die großteils Ausländer, aber auch Italiener sind. Dementsprechend ist es auch in den Räumen so, daß sich gewöhnlich die Personen der gleichen Herkunft oder Sprache treffen, so daß man in dem einen mehr Italienisch, in anderen viele andere Sprachen reden hört. Die größten Gruppen kommen aus Osteuropa, genauer aus Rumänien und der Ukraine, und aus Lateinamerika, besonders aus Mexiko und Kolumbien. Erwähnenswert ist die Art, wie dort die Besucher oder die - wie man dort sagt - Gäste behandelt werden. Gleich am Eingang erhält nämlich jeder ein Zettelchen, mit dem er dann das Essen erhält, so daß niemand erfolglos warten muß. Jeder ist frei, sich einen Platz auszusuchen, und wird dort nach seinen Wünschen vom für diesen Tisch verantwortlichen Volontär bedient. Das ist der Begegnungsort par excellence mit den Menschen, die zum Essen dorthin kommen.

Immer wieder hört man von der tollen Atmosphäre reden, die dort herrscht, sowohl zwischen den Gästen als auch zwischen all denen, die dort arbeiten. Das ist aber lange nicht immer so selbstverständlich!

Die Volontäre, die dort ihren Beitrag leisten, sind zum Teil Mitglieder der Gemeinschaft, aber auch viele Studenten, besonders Seminaristen. Hauptsächlich wird dort das Essen verteilt, aber viel Wert wird auch darauf gelegt, daß man mit den Gästen in eine freundschaftliche Kommunikation kommt, so daß alle etwas zu geben und gleichzeitig zu empfangen haben.

Man geht gewöhnlich regelmäßig einmal in der Woche hin, so daß nach bestimmter Zeit auch kleine Freundschaften entstehen. Einige von den Gästen trifft man auch ab und zu unterwegs in der Stadt. Es ist dann besonders schön, sie mit ihrem Namen begrüßen zu können und ein bisschen mit ihnen im Gespräch zu verweilen. Ähnliches passiert zwischen den Volontären, die man auch an der Uni treffen kann. Viel eher trifft man sich aber auch in Santa Maria in Trastevere zum Abendgebet der Gemeinschaft. Kurz vor dem Anfang dieses Abendgebetes schließt dann auch die Mensa, so daß viele den Tag gemeinsam beenden können.

Ein anderer Ort, wo man ähnlich Menschen beim Essen bedient, ist das Centro Astalli am hinteren Teil des Gebäudekomplexes von il Gesu, wo das Jesuite Refugee Service mehrmals pro Woche ein Abendessen für Flüchtlinge anbietet. Bei der Hilfe am Dienst des Jesuit Refugee Service (das in Rom auch Möglichkeiten zur Übernachtung und Sprachkurse anbietet) geht es mehr um ein soziales Engagement, darum, einfach mitzuhelfen, die Tische für das Essen vorzubereiten und sie nachher wieder abzuräumen. Diese Stelle ist mehr "Johanneischen Charakters" - die Arbeit läßt mehr im Schatten bleiben und wenig in intensiven Kontakt mit den Menschen kommen. Es ist also eine echte Diakonenstelle, wo man einfach am Tisch dient, und der Dienst des Wortes anderen bleibt.

Das Rom der Beter und Pilger

Rom ist seit ältesten Zeiten Ziel vieler Pilger, die hierher kommen, um die Apostelgräber zu besuchen und um ihre Fürsprache zu beten. Verschiedene Gebets- und Frömmigkeitsformen sind in der Ewigen Stadt entstanden und haben tiefe Wurzeln geschlagen, an denen noch heute viele alte Traditionen festhalten. Viele neue kirchliche Bewegungen und Erneuerungen schöpfen aus ihnen ihre Kräfte. So ist Rom auch heute, obwohl es vielleicht manchmal nicht mehr so offensichtlich wie früher ist, ein Ort des Gebetes. Damit sind nicht die Touristen gemeint, die tagtäglich die sehenswürdigen Kirchen überfüllen, ohne zu wissen, was diese Gebäude wirklich zu bedeuten haben, sondern die vielen Orte, an denen sich einzelne und Gemeinschaften zum Gebet einfinden.

Ein solcher Ort ist das Centro San Lorenzo ganz in der Nähe des Petersdoms: Nach dem ersten Weltjugendtag 1983 wurde hier die Idee des Papstes verwirklicht, in der Nähe des Petersdoms einen Raum zu schaffen, der dem Gebet der Jugendlichen zu Verfügung stehen sollte. Das Centro selbst besteht aus der Kirche San Lorenzo in Piscibus, die, ganz verfallen, extra dafür restauriert und vom Papst selbst neu geweiht wurde, und aus einigen Empfangsräumen für verschiedenste Zwecke. In der Kirche wird auch das Kreuz vom Weltjugendtag 1983 aufbewahrt, das schon mehrmals auf der "Weltreise" gegangen ist und so symbolisch die Verbundenheit zwischen Jugendlichen der ganzen Welt darstellt. Regelmäßig treffen sich dort abends Gebetsgruppen, auch andere Aktivitäten verschiedenster Art finden statt. Das Centro selbst wird seit einigen Jahren von der Gemeinschaft Emmanuel geleitet, wobei auch Gemeinschaft Chemin Neuf, die Gemeinschaft der Seligpreisungen und andere mitwirken und sich dort zum Gebet versammeln. So ist das Centro San Lorenzo ein Ort, an dem Rompilger und auch die Jugendlichen Roms zusammenkommen. Einige unserer Mitbrüder gehen, entsprechend der Möglichkeiten, regelmäßig zu einem der wöchentlichen Gebetsabende. Für einige von ihnen ist es in den Jahren ihres Aufenthaltes zu einem echten geistlichen Zuhause geworden, das als ein komplementärer Ausgleich zur "nüchtern und traditionellen Ignatianischen Spiritualität" gesehen wird, als ein Ort, an dem das persönliche Gebet durch den gemeinschaftlichen Aspekt des Austauschs und des Mitteilens bereichert wird. Die charismatische Weise des Gebetes ist das Hauptmerkmal dieser Gruppen, wo das freie Beten und charismatische Gesänge sehr gepflegt werden. Die einzelnen Gruppen bestehen aus ca. 20 bis 40 Mitgliedern und haben oft sehr internationalen Charakter. Es geht hier um eine diskrete Offenheit des unkomplizierten Umgangs miteinander, um ein einfaches Dabeisein: Man betet mit, trägt und wird vom Gebet der anderen getragen. Gerade in den geprägten Zeiten werden auch Bibelstellen vorgeschlagen, die dann jeden einzelnen der Gemeinschaft täglich begleiten können.

Eine andere Art, auf die sich die Priester des CGU gerne engagieren, sind die sogenannten Schwesternmessen. Dort machen sie ganz verschiedene Erfahrungen des Gebetes, die dann oft auch in das Leben des Kollegs einfließen. Für einige von ihnen ist es eine gute Übung - so sagen sie selbst -, oft so früh aufzustehen und zur "eigenen Herde" zu fahren, um den Tag gemeinsam mit der heiligen Messe zu beginnen. Bei manchen wird so auch die italienische Sprache wieder aufgefrischt, was auch im Kolleg augenfällig bzw. hörbar wird, und ganz nebenbei werden noch nützliche Alltagserfahrungen gesammelt, die dem einzelnen später so hilfreich werden können.

Obwohl es nicht in Rom ist, sind hier wohl auch die "Kapläne" von Gallicano und der Prefettino zu erwähnen. Gerade die ersteren haben für sich eine gute Möglichkeit gefunden, eine italienische Pfarrgemeinde mit ihrem Pfarrer besser kennenzulernen. Mit den so gesammelten Erfahrungen und der erworbenen Anpassungsfähigkeit kann dann vielleicht auch im Kolleg eine größere Flexibilität, sogar das spontan ad hoc Ausgedachte hin und wieder auftauchen - was ja recht erfrischend wirken kann.

Das Rom der Heranwachsenden

Stets sind im Zentrum der Stadt Hunderte von Touristen unterwegs, viele Geschäftsleute und Angestellte laufen ständig telefonierend und gestikulierend herum, zahllose Taxis zwängen sich durch die engsten Gassen, Motorräder schrecken einen immer wieder auf - aber Kinder sieht man kaum im Zentrum der Weltstadt Rom. Für sie ist es ja keine schöne Atmosphäre, deswegen liegt es nahe, sie an einem anderen Ort suchen, wo sie sich wohlfühlen und wohin sie gerne kommen. Dazu helfen uns mehrere Mitbrüder, die in ihrer pastoralen Aufgabe viel mit den Kleinen zu tun haben:

Zuerst sind da die Pfadfinder, die man in vielen Pfarreien trifft, weil sie in Italien noch relativ eng mit der Kirche verbunden sind - so zum Beispiel in der Pfarrei Santa Croce in der Via Flaminia. In den Gruppenstunden geht es um die Erziehung der Kinder und der Jugendlichen, die je nach dem Alter spielerisch lernen sollen, Verantwortung zu übernehmen, und so zu einem reiferen sozialen Verhalten geführt werden. Gleichzeitig werden ihnen die wahren, religiösen Werte vermittelt, und das auf eine unauffällige und für sie interessante Weise. So lernen sie, wieder mit Rücksicht auf ihr Alter, miteinander, mit der Umwelt und mit Gott umzugehen. Gegliedert sind nicht nur die Gruppen selbst nach dem Alter, sondern auch innerhalb der einzelnen Gruppen besteht eine pyramidale hierarchische Ordnung. Der einzelne kann Ehrenzeichen sammeln für die Aufgaben, die er gut vollbracht hat und die mit den Jahren die Gruppe im Guten festigen sollen. Das Leben der Gruppen hat einen ziemlich ritualisierten Verlauf: Sie treffen sich regelmäßig wöchentlich, einmal monatlich machen sie einen Ausflug, und dreimal im Jahr bleiben sie für mehrere Tage in der Natur. Bei all dem ist die Aufgabe eines "spirituellen Assistenten", mit ihnen zu sein und immer wieder auch eine Art "kleine Katechese" zu halten. Auch trifft er sich mit den Verantwortlichen, mit denen er dann gemeinsam die kommenden Treffen der Gruppe vorbereitet. Gerade in diesen Planungssitzungen ist eine Präsenz Gottes und des Glaubens wichtig, die so ja indirekt auch die Gruppen durchdringt. So können alltägliche Bräuche, auf einen guten Grund gestellt, zu einer christlichen Liturgie des Lebens werden.

Auch die Kinderkatechese ist ein Ort der Begegnung und des pastoralen Einsatzes, wo man die eigenen pastoralen Interessen und Begabungen gut zum Ausdruck bringen kann. Gewöhnlich geht es dabei um die Sakramentenvorbereitung. Hier ist auch eine gute Zusammenarbeit mit den anderen Verantwortlichen notwendig, aber im Prinzip ist der konkrete Ablauf der Stunden dann sehr frei gelassen. Schön ist es auch, mit der Gruppe bzw. der Pfarre auch die Sonntagsmessen mitzufeiern, was sich aber in der Praxis - wegen der Kommunitätsmesse im Kolleg - nur begrenzt verwirklichen läßt. Trotzdem wird aber auch diese Erfahrung als sehr positiv empfunden, weil gerade das Kennenlernen einer konkreten Gemeinde unter einem so bestimmten, genau umgrenzten Gesichtspunkt den Vergleich mit derartigen Erfahrungen aus der Heimatdiözese ermöglicht, man lernt Neues aufzunehmen und Bewährtes zu behalten.

Allen diesen pastoralen Tätigkeiten der Studenten des CGU außerhalb des Kollegs sind - trotz aller Verschiedenheit - viele Elemente gemeinsam. Für gewöhnlich sind es immer gute Erfahrungen, die hier gemacht werden und die nachher, im Einsatz in der eigenen Gemeinde, sehr nützlich werden können. Der Kontakt mit den Leuten anderer Kulturen, die einen anderen Zugang zum Leben haben und sich mit dem gleichen Glauben anders auseinandersetzen als wir, kann nur bereichernd sein und - nach den vielen Spekulationen des abstrakten Studiums - den einzelnen wieder zum Landen auf dem festen Boden einladen. Nicht vergessen werden darf natürlich auch die Kenntnis der italienischen Sprache, die so gefördert und wesentlich verbessert wird, was zu einem besseren Zuhausesein in Rom und Italien deutlich beiträgt. Manche typisch italienische Verhaltensweise wird dem Germaniker so weniger fremd und unerklärlich, weil er sie von innen zu begreifen gelernt hat.